Karl Kübel Schule
11.07.2022

Zwei außergewöhnliche Schülerinnen

 

Sara Awad hat ihr Fachabitur an der Karl Kübel-Schule mit der Note 1,6 bestanden. Sara ist 20 Jahre alt und vor circa dreieinhalb Jahren vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflüchtet. Im Zuge der Familienzusammenführung folgte sie mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern nach einjähriger Ungewissheit, Untätigkeit und Wartezeit im Libanon dem Vater, der es schon drei Jahre zuvor nach Europa geschafft und in Hessen auf seine Liebsten gewartet hatte.

Nojan Leylami hat ihren Realschulabschluss auf der Martin Buber-Schule in Heppenheim als eine der Jahrgangsbesten mit der Note 1,5 gemacht. Im Anschluss ist sie wie Sara auf die Karl Kübel-Schule gewechselt und hat dort im Beruflichen Gymnasium in diesem Jahr beim Abitur die Durchschnittsnote 2,0 erreicht.

 

Wegen des Glaubens verfolgt

Nojan und ihre Eltern wurden in ihrer Heimat Iran wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt. Ihre dramatische Flucht vor sieben Jahren – teilweise in einem Boot zusammengepfercht mit 20 Kindern und Erwachsenen – führte über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn, Österreich bis nach Deutschland.

Nojan Leylami und Sara Awad sind zwei außergewöhnliche junge Frauen, die sich in ihrer Schulzeit an der Karl-Kübel-Schule nie über den Weg gelaufen sind und sich erst während unseres Gespräches kennenlernen und auf Anhieb gut verstehen. Beide sind gleich alt, sprechen fehlerfreies Deutsch – ohne jeden Akzent –, beide haben ein klasse Abitur gemacht und beide wohnen in Heppenheim.

Als sie vor wenigen Jahren hier ankamen, konnten sie weder die Sprache noch verstanden sie ein einziges Wort. Mit ihren Eltern unterhalten sie sich bis heute zu Hause ausschließlich auf Arabisch beziehungsweise Persisch (Farsi).

Dass sowohl Nojan als auch Sara ihr Abitur mit Bravour bestanden haben, grenzt an ein kleines Wunder, ist aber in Wahrheit ausschließlich ihrem Fleiß, Ehrgeiz und dem eisernen Willen, „unbedingt so schnell wie möglich Deutsch zu lernen“ geschuldet. Und die 20-Jährigen beteuern übereinstimmend, von ihren ehemaligen Lehrern in der Martin-Buber-Schule und im Starkenburg-Gymnasium immer motiviert und gefördert worden zu sein. „Anfangs war es wirklich sehr schwer. Ich wollte absolut nicht hierbleiben, weil ich kein Wort verstanden, in der Schule anfangs nur schlechte Noten geschrieben habe und von dem fremden Land keine Ahnung hatte“, erzählt Sara, die in Heppenheim bis zur 10. Klasse das Gymnasium besucht hat.

 

Mit YouTube Deutsch gelernt

Inzwischen hat sie ihre Meinung grundlegend geändert. Die junge Muslima aus der Nähe von Damaskus, die mit Hilfe von YouTube-Videos die fremde Sprache gepaukt und ein Faible für Mathematik hat, möchte hier Informatik studieren. Auf der Karl Kübel Schule hat sie die Hauptfächer Mathematik, Deutsch, Englisch und Gesundheit belegt und die Allgemeine Fachhochschulreife erlangt. „Natürlich sind meine Eltern stolz auf mich“, verrät die zukünftige Informatik-Studentin lachend: „Sie schicken öfters Fotos an die Verwandten in Syrien.“ Dass es für ihre Klasse an der Karl-Kübel-Schule keine Abschlussfeier gegeben hat, findet sie schade.

Für Nojan Leylami war nicht nur der Start in der Fremde schwer, sondern auch das Leben im Iran. Die Familie musste wegen ihres christlichen Glaubens ein Doppelleben führen. „Unsere Identität konnten wir niemals ausleben. Freiheit ist in unserer Heimat ein Fremdwort.“

Die Flucht wurde von den Eltern, die zuletzt in Shiraz – „eine Weinbaustadt wie Heppenheim“ gewohnt haben, heimlich vorbereitet und hat 18 Tage gedauert. „Völlig orientierungslos“ sei man in Deutschland angekommen und habe an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Aufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften gewohnt. „Meine Mutter und mein Vater wollten auf keinen Fall, dass wir getrennt werden. Das war ihnen das Wichtigste“, erzählt die 20-Jährige rückblickend.

Nachdem sie nach Hessen verlegt wurden und sich in Gießen erneut anmelden und Asyl beantragen mussten, „habe ich tagelang geweint. Es war eine schlimme Zeit. Ich war am Boden zerstört“. Heute lacht Nojan Leylami über ihre damalige Verzweiflung, obwohl auch der erste Eindruck von Heppenheim und die schlimmen Verhältnisse in einer Übergangsunterkunft ebenfalls ein „Schock“ für sie waren: „Wir haben alles probiert, um wegzukommen.“

 

„Die beste Zeit, die ich je hatte“

Wie für Sara war es auch für Nojan „wichtig, schnell zu lernen und mit den Menschen zu sprechen“. In der Intensivklasse und später auf der Realschule (Lieblingsfach Deutsch) hat die Integration an Fahrt aufgenommen und es gab die ersten Erfolgserlebnisse. Dass sie sich freiwillig für die 7. anstelle der 8. – wie empfohlen – des Realschulzweigs entschieden hat, begründet sie so: „Ich war damals noch nicht so selbstbewusst wie heute. Ich war schüchtern und habe mich geschämt.“ „Wie eine Familie“ seien die Lehrer dort zu ihr gewesen: „Es war die beste Zeit, die ich je hatte“, schwärmt sie noch immer und zählt die Abschlussfahrt nach Italien mit dazu.

Nojan möchte „nie wieder zurück in den Iran.“ Zumindest nicht, solange das dort herrschende System weiter besteht. Für sie ist klar: „Ich fühle mich in Deutschland total wohl und habe mir ein Leben mit mehr Freiheit aufgebaut.“ Keinen Zweifel lässt sie daran, dass „man sich integrieren und anpassen muss, um ein schönes Leben führen zu können“.

Die Eltern wünschen sich, dass ihre Tochter einen „sicheren Beruf“ ergreift. Nojan selbst hätte gern Psychologie und Wirtschaft studiert, aber mit einem Notendurchschnitt von 2,0 „sei dies schwierig“, bedauert sie. Sie überlege, ein bilinguales Sportstudium zu absolvieren. „Sport hat mir in den letzten Jahren viel Kraft gegeben und erfüllt mich.“

Nojan Leylami, die noch enge Kontakte zu ihren früheren Heppenheimer Schulkameradinnen hat, möchte alsbald einen Einbürgerungsantrag stellen. „Aber ich muss erst bestimmte Kriterien erfüllen und mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben.“

Übrigens gibt es noch eine Gemeinsamkeit zwischen Sara und Nojan. Die beiden aufgeschlossenen, jungen Frauen jobben in ihrer Freizeit, um sich ein wenig Geld zu verdienen und sich den einen oder anderen Wunsch zu erfüllen.

 

© BA-Artikel vom 10.08.2022

 

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