Trotz oder gerade wegen der ständigen „Verspätungshysterie“ unseres
Klassenlehrers – Herrn Riedel – trafen wir dort etwa 20 Minuten zu früh
ein. Natürlich hatte jetzt jeder im Bus erwartet, dass man uns zu einer
Tasse Kaffee in die Kantine einladen würde oder – noch besser – auf ein
Pikkolöchen zum Sektfrühstück bittet. Doch weit gefehlt. Man lies uns
tatsächlich die Zeit bis zum offiziellen Beginn der Führung im Bus
sitzen, was unserer guten Stimmung jedoch keinen Abbruch tat.
Der auffälligste Gebäudeteil im Innenbereich der Fa. Henkell ist der
prächtige Marmorsaal: ein repräsentatives Foyer, ursprünglich streng
klassizistisch, das vom Unternehmen bis heute für Repräsentation,
Empfänge, Feste und Kon-zerte genutzt wird.
In dieser wunderschönen Eingangshalle wurden auch wir empfangen und von
unseren beiden Führerinnen herzlich begrüßt. Zunächst wurden wir über
die lange Tradition des Unternehmens informiert, wa

s keine(n) der
SchülerInnen unbeeindruckt lies.
1832 in Mainz gegründet, steht die seit Anfang des 20. Jahrhunderts in
Wiesbaden ansässige Kellerei für eine der bekanntesten Marken im
deutschen Sektmarkt, HENKELL TROCKEN. Das repräsentative Sekthaus ist
heute Stammsitz und Zentrale der international tätigen Henkell-Gruppe.
Nachdem man sich für ein Gelände auf dem Areal einer ausgebeuteten
Kiesgrube in Wiesbaden-Biebrich entschie-den hatte, schuf der damals
gerade 30-jährige Architekt Paul Bonatz eine fünfstöckige Kelleranlage,
in der zukünftig Weine ausgebaut sowie Cuvées zusammengestellt und zu
Sekt veredelt werden sollten.
Die Zwischengeschosse waren für Fluchten von Rüttelpulten ausgelegt. Die
hohen Geschosse waren riesige Fass- und Flaschenlägern (Gärlager,
Ruhelager) vorbehalten. Die eigentliche Produktion dagegen fand
oberirdisch statt. Hier gab es neben der Degorgierhalle, die für die
Enthefung des Rohsektes vorgesehen war und heute für interne
Veranstaltungen genutzt wird, die so genannte Packhalle. Hier, wo die
Flaschen verkorkt, etikettiert und zum Trans-port vorbereitet wurden,
erfolgt mittlerweile die Abfüllung von jährlich 90 Millionen Flaschen
Sekt. Erst zwei Jahrzehn-te nach Eröffnung der Kellerei wurde der
Marmorsaal im Auftrag Otto Henkells mit zahlreichen neoklassizistischen
Stuck-Elementen und Rokoko-Rocaillen in seine heutige schlossartige
Atmosphäre versetzt.
Nach diesen Eingangsinformationen führte uns der Weg in den riesigen
Sektkeller, vorbei an uralten Weinfässern, die dem Gründer Adam Henkell
von Geschäftsfreunden aus aller Welt geschenkt wurden. Daraufhin wurden
uns die verschiedenen Stufen des Produktionsprozesses erläutert. Allein
von der Marke Henkell Trocken wurden 2008 12,8 Mio. 0,75-l-Flaschen
verkauft. Erstaunt waren wir über die Schnelligkeit mit der die
Sektflaschen hier abgefüllt und in Pappkartons verpackt werden. Die
ganze Verpackungsstraße erinnerte ein wenig an eine Modelleisenbahn.
Nach-dem zahlreiche Fragen nach dem Unterschied zwischen Sekt und
Champagner, der maximalen Lagerdauer des Sektes u. v. m. von den
sachkundigen Damen unseres Führungsduos geklärt waren, kamen wir zu dem
von allen am meisten herbeigesehnten Ereignis der Führung, nämlich der
Verkostung dieses edlen Getränkes. Im prunkvollen Empfangszimmer des
Hauses wurde uns zunächst noch ein Video über die Unternehmung und ihre
Produkte ge-zeigt, bis uns im Anschluss ein Gläschen des edlen Blanc de
Blancs kredenzt wurde. Feinperlig, lang anhaltend dezenter Duft nach
Goldapfel, Williams-Birnen und Butterscotch – nein, dies war nicht das
fachmännische Urteil unseres Klassenlehrers, sondern die Beschreibung
dieses fruchtig-prickelnden Rebensaftes aus dem Firmenprospekt. Leicht
beschwingt verließen unsere angehenden EinzelhändlerInnen die
Sektkellerei, glücklich ausgestattet mit einem Pikkolo-Präsent des
Hauses in der Tasche.

Geschockt waren wir nun erneut von der draußen herrschenden Kälte, so
dass wir uns schleunigst zurück zum Parkplatz begaben, wo ein
fürsorglicher Fahrer bereits den Bus für uns vorgewärmt hatte. Da wir
recht gut in der Zeit lagen und unser Besichtigungstermin beim ZDF erst
für 14:00 Uhr terminiert war, wagten wir noch einen kurzen
Einkehrschwung in die Mainzer Innenstadt. Einige Mädels nutzten die Zeit
für einen Streifzug durch die zahlreichen Geschäfte der Innenstadt und
kamen zum Teil mit vielen Einkaufstaschen zurück. Anderen stand der Sinn
eher nach gastronomischen Köstlichkeiten, um den aufkeimenden kleinen
Hunger zu besänftigen. Pünktlich zum ausgemach-ten Zeitpunkt waren
tatsächlich alle wieder am Bus und wir fuhren auf dem direkten Weg zur
Sendezentrale des Zweiten Deutschen Fernsehens, im Volksmund besser
unter der Abkürzung ZDF bekannt. Schon im Eingangsbe-reich des Senders
war eine so genannte „Greenbox“ installiert, die von einigen
SchülerInnen sogleich neugierig in-spiziert wurde. Hier konnte man durch
die Kopplung zweier getrennt aufgenommener Szenen die Illusion
erzeugen, direkt neben Klaus Kleber im Heute-Journal aufzutreten. Diese
Möglichkeit wurde von vielen Schülern ausgiebig genutzt und mit der
eigenen Digitalkamera festgehalten. Da wir wieder mal überpünktlich
eintrafen, ergab sich sogar die Möglichkeit, eine junge Journalistin bei
de

r Moderation einer Sendung für den Kinderkanal bei der Arbeit zu
beobachten. Dass dies alles leichter aussieht, als es tatsächlich
selbst zu praktizieren, wurde wenig später deutlich, als in einem
anderen Studio die Möglichkeit bestand die Ziehung der Lottozahlen
anzumoderieren. Schnell waren sich alle SchülerInnen darüber einig, dass
diesen Part Herr Riedel übernehmen müsste. Auch wenn er mit seinem
Auftritt die gewohnte Lottofee nicht ersetzen konnte, schlug er sich
doch recht wacker und machte unserer Schule keine Schande. Vergeblich
streiften die Blicke einiger SchülerInnen durch die langen Gänge des
Senders in der dumpfen Hoffnung vielleicht doch - rein zufällig – dem
einen oder anderen Prominenten über den Weg zu laufen. Leider
ver-geblich!
Wir besuchten sodann das aktuelle Sportstudio, bekamen die Arbeit hinter
den Kulissen, in den Räumen der Regie erläutert und besichtigten
abschließend auch noch den ZDF-Fernsehgarten. Voll gepackt mit
zahlreichen Infor-mationen über erfolgreiche Sendungen, Produktionskosten und zukünftige Projekte des Senders standen wir dann
erneut in der Eingangshalle und verabschiedeten uns von der
freundlichen, kompetenten Führerin. Gut gelaunt traten wir daraufhin die
Heimreise an, die reibungslos und ohne nennenswerte Zwischenfälle
verlief.
Auch ohne das hier gezeigte Mainzelmännchen hatten alle Teilnehmer der
Führung die Message des Senders ver-standen:
Wenn man sich ein Auge zuhält, sieht man besser!!!
oder so ähnlich, jedenfalls…